Mainz, den 22. März 2026 – Die elektronische Patientenakte wird politisch als Meilenstein gefeiert. In der Realität ist sie vor allem eines: ein schlecht durchdachtes System, das den Praxisalltag zusätzlich belastet. Das zentrale Problem ist banal, aber entscheidend: Man findet nichts, zumindest mit zunehmender Befüllung

Befunde werden uneinheitlich abgelegt, oft falsch kategorisiert, verbindliche Strukturen fehlen. Jede Praxis soll selbst Ordnung schaffen, obwohl genau das eigentlich Aufgabe des Systems wäre. In einer vollen Akte wird die Suche nach relevanten Informationen schnell zur zeitraubenden Detektivarbeit.

Der Vergleich mit anderen Bereichen ist ernüchternd. Selbst einfache Banking-Apps sind in der Lage, Dokumente wie Rechnungen automatisch zu erkennen, zu sortieren und übersichtlich darzustellen und zuzuordnen. Im Gesundheitswesen, wo Informationen deutlich sensibler und relevanter sind, funktioniert das nicht. Das ist kein technisches Detailproblem, sondern ein grundlegendes Versagen in der Konzeption.

Hinzu kommt ein weiterer Konstruktionsfehler: Die ePA erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Patienten entscheiden selbst, welche Inhalte gespeichert werden und wer Zugriff erhält. Damit wird aus einer medizinischen Akte eine potenziell lückenhafte Sammlung von Zufallsinformationen. Auf dieser Basis verlässliche ärztliche Entscheidungen zu treffen, ist zumindest problematisch.

Gleichzeitig wächst der Aufwand in den Praxen. Neue Systeme, zusätzliche Schnittstellen und steigende Dokumentationsanforderungen kosten Zeit, die in der Versorgung fehlt. Die versprochene Entlastung bleibt aus. Stattdessen entsteht eine neue Ebene der Bürokratie – diesmal digital.

Besonders irritierend ist die finanzielle Priorisierung. Für genau diese zusätzlichen Belastungen werden extrabudgetäre Mittel bereitgestellt, während an anderer Stelle Mittel fehlen. Dass ineffiziente Strukturen auch noch finanziell belohnt werden, ist schwer nachvollziehbar.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist notwendig. In ihrer aktuellen Form ist sie jedoch kein Fortschritt, sondern eine Fehlentwicklung. Entscheidend ist nicht, ob Prozesse digital sind, sondern ob sie funktionieren.

Karl Barwich, Facharzt für HNO-Heilkunde, Pressesprecher, v.i.S.d.P.